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Dokumentation "Beruf Lehrer" in der ARD

 
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Anarchowortspielerin



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BeitragVerfasst am: Mi Aug 23, 2006 8:37 pm    Titel: Dokumentation "Beruf Lehrer" in der ARD Antworten mit Zitat

Sendetermin: 23.08.06 um 23.15 h in der ARD


SPIEGEL-Online 23.08.06:


DOKUMENTATION

Warum ist der Besenstiel lang?


Von Nikolaus von Festenberg

"Beruf Lehrer", eine ARD-Dokumentation, sollte Pflichtfernsehen für alle sein, die über Bildung reden. Sie zeigt Schulwirklichkeit jenseits von allen Illusionen.

Da haben sie Dreizeiler in ihr Schulheft geschrieben, die Sechstklässler der Tulla-Realschule in Mannheim. Lehrer Ludwig Zimmermann (Deutsch, Französisch, Ethik) muss die Hausaufgabe kontrollieren und liest: "Ich mach 'ne Frau an / das macht Fun / sie ist dran". Der Schulmann ist nicht moralisch empört, er lächelt müde. "Bitte nicht in deinem Alter", schreibt er milde unter den Pennälererguss. Immerhin erfüllt die zotige Blödelei die formale Anforderung, drei Reime mit elf Wörtern zu bilden.

Hauswirtschaftslehrerin Sicilia: "Ganz einfache Kenntnisse fehlen"
Das ist der Stand der deutschen Bildung, genauer eine der tausend trüben Wirklichkeiten in einem Land, das von Pisa aufgerüttelt sein will, in dem Technokraten von Chinesisch-Unterricht im Kindergarten träumen und von Ganztagsbetreuung rund um die Uhr des kindlichen Alltags.

Unter dem Strand der luftigen Bildungsparolen aber ist das raue Pflaster der Realität, die viel härter und skandalöser ist, als viele sie sich vorstellen. Eines der größten Verdienste des viel gescholtenen Mediums Fernsehen besteht seit neuestem darin, nicht mehr dem politisch verordneten optimistischen Gesülze auf den Leim zu gehen, sondern die Kamera ohne ideologische Voreingenommenheit in die Schulen zu schicken. Und siehe da: Da drinnen ist's dramatisch, mal fürchterlich, mal auch ergreifend heroisch - was ist "High Noon" gegen den tagtäglichen Western Klassenzimmer?

Die SPIEGEL TV-Reporterinnen Amai Haukamp und Kathrin Sänger führten unlängst im ZDF in sechs beim Publikum erfolgreichen Folgen "S.O.S. Schule" den Showdown zwischen ausgelaugten Lehrern und von Frust und Verzweiflung gezeichneten Berliner Hauptschülern vor. Waren das nur typische Probleme einer Restschule, eines hohen Ausländeranteils, ein Blick auf eine Deutschland-untypische Wüste in einem entgleisten Metropolenmilieu?

Von wegen. In dem Dokumentarfilm "Beruf Lehrer" (Mittwoch, 23.15 Uhr) zogen Wilma Pradetto und Thomas Schadt ("Amok in der Schule", die Tragödie des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums) aus, um die schulische Normalität zu entdecken. Die Tulla-Realschule Mannheim (800 Schüler aus allen Schichten, 50 Prozent Ausländer, 50 Lehrer) hätte schließlich ein Stück befriedeter pädagogischer Provinz sein können. Aber Krisensymptome sind auch hier unübersehbar. Der durch seine Nüchternheit bestechende Film verschweigt davon nichts.

Am augenfälligsten ist die sprachliche Verrohung. Wieder und wieder sieht der Zuschauer, wie die Lehrer Konflikte entschärfen müssen, die durch verbale Injurien entstehen. Harmlos ist noch, wenn sich ein Lehrer das Wort wenn sich ein Lehrer das Wort "Kanaken-Futter" für Sonnenblumenkerne verbittet.

"Arschloch", "Hurensohn" und "arschgefickter Hurensohn" sind die Sprachkeulen, mit denen besonders Knaben aufeinander losgehen. Die Lehrer schienen erst machtlos, haben aber die Gefährlichkeit solcher Schmähungen kennengelernt und reagieren mit Maßnahmen, die auf eine Art Zwangsversöhnung ("Konfliktberatung") hinauslaufen. Ein Wort wie "Hurensohn", so sagt die Schulleiterin Brigitte Hohlfeld, lasse manche Kinder mit muslimischem Hintergrund austicken. Sie reagierten dann "wie Tiere".

Die Westernhelden der Tulla-Schule sind natürlich nicht immer nur in der disziplinären Kampfzone aktiv. Lehrer, die in jeder Stunde um Ordnung kämpfen müssten, könnten den Job nicht lange aushalten. Aber es ist ein raues Klima, das sie umgibt.

Die Dokumentation zeigt, in welchem Ausmaß Lehrer heute um ihre Selbstbehauptung kämpfen müssen. Die einen legen morgens die Rüstung an, da darf an der Kleidung nichts zwicken. Andere, wie die großartige Hauswirtschaftslehrerin Brigitte Sicilia, vertrauen auf ihre pfälzische Resolutheit und ihr gutes Herz unter strenger Schale.

Aber alles hat seinen Preis: Wenn die Frau nach der Schule heimfährt, schweigt das Autoradio, Frau Sicilia schreit ihren Ärger über die Schule heraus.

Was diese ebenso kluge wie unintellektuelle Frau sagt und tut, gehört zu dem Besten an "Beruf Lehrer".

Mit klaren Schilderungen macht sie die Absurdität moderner Erziehung deutlich. Die Kinder kennten, sagt Frau Brigitte, was so praktische Dinge wie Essenmachen, Putzen, Tischsitten anlangt, fast nichts. "Ganz einfache Kenntnisse fehlen."

Ein Schüler hat sie mal im Ernst gefragt, wozu ein Besen einen so langen Stiel habe. Da zeigt die lebenskluge Lehrerin nicht mit dem pädagogischen Finger auf die Mutter, die ihr Kind nicht mit dem Besen vertraut gemacht hat, sondern äußert Verständnis. Die Mutter habe sich bestimmt gedacht, dass das Kind zu langsam sei und nehme ihm die Arbeit ab.

Wo sollen Tischsitten herkommen, wie sollen Kinder wissen, dass man sich nicht ohne Rücksicht auf andere den eigenen Teller vollschüttet, wenn es in vielen Familien keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr gibt?

Die Lehrer, so zeigen die Autoren Pradetto und Schadt eindrucksvoll, fühlen sich im Stich gelassen. Eltern ziehen pädagogisch kaum mit, Politiker muten den Pädagogen Klassenstärken von 33 Schülern zu. Die Rektorin grämt sich, dass zehn Prozent eines Schülerjahrgangs in Mannheim keinen Abschluss schaffen. "Was soll aus denen werden?"

Alles stimmt nicht mehr", sagt eine Lehrkraft und äußert, wovor sie wirklich Angst hat: dass Schüler durch Probleme, über die sie weder zu Hause noch in der Schule sprechen können, unerreichbar werden.

"Aber wie in jedem Western geben die Tulla-Lehrer nicht auf. Frau Sicilia blättert in ihrer Rezeptsammlung für den neuen Unterrichtstag: "Hauswirtschaft ist ein so tolles Fach." Und wir bleiben überzeugt, dass sie recht hat.
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